Evangelische Kirchengemeinde  Dreihausen Heskem-Mölln mit Roßberg und Wermertshausen

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Die Kirche zu Wermertshausen


Als Siedlung mit dem Namen „Werenbrahteshusen“ ist das Dorf schon um 780 belegt und wurde zum Lahngau gerechnet. Wermertshausen heißt es erst seit dem 16. Jahrhundert. Lange gehörte der Ort zum Gericht Ebsdorf und war ursprünglich in die dortige Kirchengemeinde eingepfarrt. Als Teil dieses Gerichtsbezirks kam es noch im 12. jahrhundert in den Besitz des Mainzer St. Stephanstifts. Im späten Mittelalter (1431) ist die Siedlung verlassen. Sie teilt das Schicksal vieler kleiner Dörfer zu jener Zeit. Wirtschaftliche Not zwingt zur Landflucht oder Kriegund Pest dezimieren die Bevölkerung. Landgraf Philipp erteilt den Nordecker Herren Rau v. Holzhausen im Jahr 1525 den Auftrag, das Ortsgebiet neu zu besiedeln. Ein Jahr später erhalten sie es als Lehen.


Spätestens seit 1577 gehört Wermertshausen kirchlich zur Pfarrei Winnen. 6 Haushalte zählte das Dorf damals. Zum Gottesdienst gingen die Wermertshäuser rund 5 Kilometer durch den Wald Richtung Nordeck zur Winnener Kirche. Den Namen „Totenweg“ hat diese Strecke bis heute, weil die Verstorbenen für Beerdigungen nach Winnen gebracht wurden. Zuletzt war dies im Jahr 1772 der Fall. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 ist das Dorf wieder entvölkert und zählt auch ein Jahrhundert später nur 21 Einwohner.


Als Filiale von Winnen bekam Wermertshausen erst Mitte des 18. Jahrhunderts eine eigene Kirche. Unter dem Portalgiebel liest man auf einer geschnitzten Ziertafel: „Diese Kirche ist erbaut wortten durch: 22 Man / Ach Gott tät Dir befohlen sein alle die hir gehen aus und ein / SOLI DEO GLORIA / Im Jahre Christi 1755“. Die hölzerne Tafel zeigt in der Mitte einen Sonnenstern mit 12 Strahlen im radförmigen Kranz. Es handelt sich nicht um das Mainzer Rad, wie manchmal gemutmaßt wird. Das Rad oder der Stern wird von zwei doppelschwänzigen Löwen flankiert. Die beiden Tiere erinnern an herrschaftliche Wappen wie jenes, das über dem Portal der Nordecker Burgkapelle prangt. Aber im Ganzen ist es doch ein Original, dessen Herkunft man nur raten kann. In Anbetracht der Tatsache, dass für den Kirchenbau Teile aus anderen Häusern verwendet wurden, ist es wahrscheinlich, dass der Sonnenstern einst woanders hin gehörte. Ähnliche Darstellungen einschließlich der Wappen-tragenden Tiere sind auch von Innungszeichen bekannt. Hat ein geschickter Handwerker etwa das Symbol der Wagner zur jetzigen Gestalt umgearbeitet? Oder diente die Tafel vorher gar als Schild für eine Gaststätte „zum Stern“ oder „zur Sonne“?


Dem hölzernen Treppenaufgang zur Kanzel sieht man noch an, dass er vorher in einem anderen Gebäude eingebaut war und für den neuen Zweck heraus gesägt worden ist. Die Wermertshäuser haben ihre Kirche mit großem Enthusiasmus selbst errichtet. Das brachte allerdings auch Schwierigkeiten mit sich. Wilhelm Mühlhausen schreibt in seiner Dorfchronik: „Bei der Frage, an welchem Platz das Kirchlein 1755 erstehen sollte, muß es wohl zu ernstlichen Meinungsverschiedenheiten gekommen sein, denn ein Brief des Superintendenten ]oh. Aug. Junghenn, Marburg vom 19. Nov. 1755 mahnt zum Vergleich und Frieden. - Mündlicher Überlieferung nach soll damals das im Oberdorf abgeladene Bauholz der Kirche nachts von den Unterdörfern an den heutigen Kirchenplatz getragen worden sein, sogar Frauen sollen dabei mitgeholfen haben.


Dienstumfang und Bezahlung des Pfarrers wurden nach anfänglichen Unsicherheiten am 15. ]uni 1819 langfristig geregelt. Der Vertrag sieht vor: Der Winnener Pfarrer habe „alle 14 Tage dort Gottesdienst zu halten gegen Lieferung von 16 Mött Hafer.“ Die Menge entspricht ca. 800 kg. Es wird erzählt, dass Pfarrer Hilbert (Amtszeit: 1925-51) sich einst geweigert haben soll, nach Wermertshausen zu kommen, nachdem in der schlechten Zeit die vereinbarte Lieferung ausgeblieben sei. Der Hafer diente als Futter für die Pferde, die ihn per Kutsche zum Gottesdienst bringen sollten. Ein Wermertshäuser Kirchenvorsteher kam nach Winnen und erhob Einspruch mit dem Argument: Christus habe seine Jünger beauftragt mit den Worten „Gehet hin in alle Welt“, vom „Fahren“ habe er nichts gesagt. Der für seinen Humor bekannte Pfarrer ließ sich davon umstimmen.


Die Kirche ist ein typisch hessischer Fachwerkbau. Im Dachreiter waren ursprünglich zwei Glocken untergebracht, die bei der letzten Renovierung durch eine einzelne größere Glocke ersetzt wurden. Zeitweilig war die Kirche außen völlig verputzt. 1926 war das Gebäude in einem so schlechten Zustand, dass das Landeskirchenamt nahe legte, die Kirche abzureißen und auf einen Neubau zu sparen. Sie ist jedoch geblieben und wurde in der Zwischenzeit mehrfach renoviert. Anfang der 80er ]ahre entstand der neue Altar nach einem Entwurf des Architekturbüros Himmelmann (Marburg). Der Alte hatte sich wegen seiner überdimensionierten Größe als unpraktisch erwiesen.


In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbreiteten sich Darstellungen der Zwölf Apostel als Emporenbemalung in den Kirchen unserer Region. Die Bilder in Wermertshausen sind zum Beispiel mit denen in Wetterfeld und Bellnhausen verwandt und sie folgen einem ähnlichen Programm: Jesus trägt als auferstandener Weltenherrscher das Symbol der Kreuz-bekrönten Kugel. Er ist der „Salvator Mundi“, der Erlöser der Welt. Umgeben wird er von seinen Jüngern, den Aposteln ((Mk. 3, 16-19). Zwischen den Aposteln findet man auch Paulus, der eigentlich nicht zum ursprünglichen Kreis der Zwölf gehört. Der „Verräter“ Judas Iskariot fehlt. An seiner Stelle findet man in Wetterfeld und Bellnhausen den Apostel Matthias, der nachgewählt wurde, um den Platz des Judas einzunehmen (Apg. 1, 15-26). In Wermertshausen hat man auf beide verzichtet. Stattdessen kommen drei andere Motive vor: Der Sündenfall mit Adam, Eva und der Schlange beim Baum der Versuchung, eine Kreuzigung mit Maria und Johannes unterm Kreuz und eine Darstellung von Johannes dem Täufer. In Bellnhausen und Wermertshausen sieht man - anders als in Wetterfeld – nur einen Jakobus. Bellnhausen zeigt den Apostel mit Hut, Wanderstab und Muschelschmuck. Dort ist es also Jakobus der Ältere, ein Sohn des Zebedäus. So wird er in langer Tradition als Pilger dargestellt. In Wermertshausen dagegen schaut Jakobus der Jüngere von der Empore herab, erkennbar am Symbol der „Walkerstange“, die hier als Knüppel ausgeführt ist. Bei aller Ähnlichkeit fallen also Unterschiede in der Symbolik auf, bei der Beschriftung, vor allem aber im Stil. Die Ausmalungen in diesen Kirchen stammen nicht von demselben Künstler. Im Vergleich sind die Wetterfelder Malereien aus dem Jahre 1751 die älteren. Die Bellnhausener Apostel entstanden – womöglich davon angeregt - rund 30 Jahre später. Aus derselben Zeit stammt auch die Wermertshäuser Emporenbemalung. Bellnhausen wird als direktes Vorbild für sie gedient haben. In Bellnhausen fallen außerdem die beiden Stuckmedaillons in der barocken Decke auf. Sie zeigen einen Pelikan mit Jungen und einen Schwan. Ob Wermertshausen einen ähnlichen symbolischen Deckenschmuck besessen hat, kann heute nicht mehr gesagt werden. Bei den Malereien jedenfalls ist die Ausführung in Wermertshausen einfacher. Die Figuren erscheinen nicht so plastisch und manchmal sind die Proportionen etwas verrutscht. Bemerkenswert ist die rechte, auf Christus hinweisende Hand von Johannes dem Täufer: Sie hat sechs Finger!


Lange Zeit waren die Malereien in Wermertshausen unter einem ganzflächigen Farbanstrich verborgen. Erst 1955 wurden sie wieder freigelegt. Was noch erkennbar war, wurde vom Kirchenmaler Faulstich aus Allendorf/ Lumda restauriert oder ergänzt. Die Figuren besitzen einen rustikalen Charme. Besonders ernst wirken sie nicht. Bartholomäus beispielsweise schielt ein wenig und mit sichtlicher Freude hält er ein Messer an den Arm. Es ist, als würde er spielerisch demonstrieren, welchen Tod er erlitten hat. Man hat ihn gehäutet. Er jedoch scheint diese Tatsache mit ausgesprochenem Humor zu nehmen. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Aposteln. In der Kunstgeschichte begegnen diese Gestalten häufig in der Pose des Siegers. Das Marterwerkzeug erscheint nicht mehr als Waffe, die ihnen den Tod brachte, sondern als Zeichen ihres Sieges, mit dem sie das Böse überwunden haben. Denn sie blieben ihrem Glauben bis zuletzt treu. Die teilweise etwas drollig aussehenden Apostel in Wermertshausen geben diesem Gedanken eine eigene Note. Sie posieren nicht machtvoll, sondern lächeln. Sie reizen den Betrachter zu demselben Schmunzeln, das sie zeigen. Es sind keine geschönten Modelle, sondern markante Typen. Sie dürfen etwas „schräg“ sein. Darin sind sie normalen Menschen gleich. Diese Heiligen stehen nicht in unerreichbarer Ferne. So, wie sie sind, mit ihren Makeln und Eigenarten, erscheinen sie sehr lebensnah und verbinden das mit einer einzigartigen Dosis Humor.


Diese Apostel lassen daran denken, dass die Kirche aus Menschen besteht, die fehlerhaft sind und manchmal sogar lächerlich. So ist die „Gemeinschaft der Heiligen“ von Anfang an gewesen. Doch diese Gemeinschaft kann offenbar „gut Lachen“ haben, denn sie hat den Erlöser in ihrer Mitte.


Auszug von dem Kirchenführer von Markus Zink zur Kirche Wermertshausen.